Hohe Gipfel, zum Teil schneebedeckt, so weit das Auge reicht. Davor eine Jurte, stabil stehend, aus deren kleinem Schornstein Rauch aufsteigt. Ein Bursche, vielleicht zehn Jahre alt, lächelt in die Kamera, als wäre dies das Normalste der Welt.

Foto: © P. Emmanuel-Maria Fitz OFM
„Als wir uns für die Fahrt nach Kirgisistan gemeldet haben, wussten wir nicht, wie sehr uns dieses Land und die Begegnungen verändern würden”, sagt eine Teilnehmerin. Durchgeführt wurde die Projektreise auf Initiative der Berufungspastoral der Franziskanerprovinz Austria mit der Hilfsorganisation FRANZ HILF – Franziskaner für Menschen in Not.
Es ist also keine Urlaubsreise. Auch keine Missionsreise. Es ist eine Reise in ein Land, das nicht unbedingt an erster Stelle einer Buchungsliste steht – aber das Herz berührt.
Aufbruch in ein unbekanntes Gebiet
Drei Gruppen, drei verschiedene Destinationen – und ein gemeinsames Ziel: Istanbul. Dort treffen sich alle Teilnehmer am 20. Juni 2025, um gemeinsam in der Nacht nach Bischkek, der Hauptstadt Kirgisistans, weiterzureisen. Es ist knapp: Alle kommen verspätet am Flughafen an. Doch der himmlische Segen ist ihnen sicher, sie erreichen gerade noch rechtzeitig ihren Anschlussflug.

Foto: © P. Emmanuel-Maria Fitz OFM
In Bischkek gelandet, folgt ein Dämpfer: Von acht Teilnehmern kommen fünf Koffer nicht an. Doch die Gruppe lässt sich die Stimmung nicht verderben, zu groß ist die Vorfreude auf das, was kommt.
Nach einem kurzen, stärkenden Frühstück beginnt das offizielle Programm. Die Gruppe wird von ihrem engagierten Guide Alexandr begrüßt. „Die Zeitverschiebung von fünf Stunden sollte nicht gleich mit Schlaf begonnen werden, sonst könnt ihr die kommende Nacht nicht schlafen”, sagt er und nimmt die durchgeschwitzten Ankömmlinge mit auf eine Stadtbesichtigung.
Kirgisistan – Herausforderungen und Juwel
Alexandr begleitet die Gruppe die ganze Woche durch sein Land, das in Österreich wohl kaum jemand spontan auf der Landkarte zeigen könnte. Es liegt eingeklemmt zwischen Kasachstan, China, Tadschikistan und Usbekistan – mitten in den zentralasiatischen Hochgebirgen. Ein Land wilder Schönheit, aber auch mit tiefen sozialen Rissen.
Politisch erlebte Kirgisistan seit seiner Unabhängigkeit 1991 drei Revolutionen. Die Hoffnung auf Demokratie ist geblieben – aber sie ist brüchig. Seit der Machtübernahme durch Präsident Sadyr Dschaparow 2020 verlagert sich das Gleichgewicht zunehmend zugunsten einer präsidialen Machtfülle. Kritiker, Journalisten, NGOs – sie stehen immer mehr unter Druck.
Wirtschaftlich gehört Kirgisistan zu den ärmsten Staaten der Region. Fast ein Drittel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Viele junge Männer verlassen das Land, um in Russland oder Deutschland Geld zu verdienen.

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Apropos Wirtschaft: Kurmanbek Bakiyev wurde im April 2010 nach Massenprotesten und gewaltsamen Unruhen in Bischkek gestürzt. Sein autoritärer Regierungsstil, Vetternwirtschaft und Korruption hatten zu wachsender Unzufriedenheit geführt. Besonders die Rolle seines Sohnes Maxim in undurchsichtigen Finanzgeschäften – u.a. mit US-Militärverträgen – heizte die
Empörung an. Der Sturz des Regimes leitete einen politischen Neuanfang ein: Zum ersten Mal in Zentralasien wurde ein parlamentarisches Regierungssystem eingeführt, das Machtkonzentration bremsen sollte. Die Umsetzung ist bis heute herausfordernd, doch der Umbruch war ein bedeutender Schritt in Richtung demokratischerer Strukturen.

Foto: © P. Emmanuel-Maria Fitz OFM
Auch religiös befindet sich das Land in einer nicht immer einfachen Phase. Zwar garantiert die Verfassung Religionsfreiheit, doch neue Gesetze drohen, sowohl die Rechte des Islam als auch die religiöser Minderheiten einzuschränken. Schwester Teofila, Franziskanerin aus der Slowakei, die schon lange im Land wirkt, sagt: „Ich fürchte mich stets, wenn ich die Polizei sehe.”
Und doch ist Kirgisistan – so die internationale Bezeichnung des Landes – weit mehr: ein Land voller Schönheit, das die Gruppe noch bestaunen wird, und ein Ort großer Gastfreundschaft.
Zuvor geht es aber auf den lokalen Markt – ein Fest für die Sinne: Düfte, Farben, Stimmen, das geschäftige Treiben, all das vermittelt einen ersten authentischen Eindruck vom Leben in Bischkek.
Hilfe, die bleibt
Das erste Projekt, das die Delegation aus Österreich und der Schweiz besucht, wird von Sr. Emilia begleitet. Dort lernen sie Lydia kennen – eine Frau mit großem Herzen. Trotz persönlicher Schwierigkeiten kocht sie wöchentlich für 15 Kinder aus der Umgebung – rund eineinhalb Stunden von Bischkek entfernt. Dieses Projekt wird von FRANZ HILF unterstützt.

Foto: © P. Emmanuel-Maria Fitz OFM
FRANZ HILF ist kein großes Hilfswerk mit medienwirksamen Kampagnen. Es wirkt leise, aber beharrlich – und ist durch die Franziskanerinnen und Franziskaner vor Ort ein Fels in der Brandung.
Seit 1995 kümmern sich die Franziskaner durch dieses Werk um Menschen in Not – weltweit, dort, wo es keine PR-Bühnen gibt: Osteuropa, Zentralasien, Lateinamerika. Das Prinzip: Hilfe zur Selbsthilfe. Es geht nicht um Abhängigkeit, sondern um Entwicklung. Schulen bauen, Brunnen graben, Gemeinschaften stärken. Und vor allem: Menschen begegnen – auf Augenhöhe.
„Wir können nicht die ganze Welt retten”, sagt P. Oliver Ruggenthaler OFM, der das Werk von 2013 bis September 2025 leitete. „Aber wir können einen Unterschied machen. Für einzelne Menschen. Und das ist genug.”

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Begegnungen, die bleiben
Die Reise führt weiter: zu einer alten Frau, die mit zehn Enkelkindern und sechs Urenkeln zusammenlebt. Ihre Herzlichkeit und Ausstrahlung berühren tief – besonders, als sie einer Teilnehmerin Blumen schenkt. „Sie hält die Familie zusammen – vor allem durch das Gebet”, berichtet Sr. Emilia.
Eine weitere Station ist eine alleinerziehende Mutter. „Die Schwestern haben uns aus einem Drecksloch geholt. Mit ihrer Hilfe konnte ich mit meinen Kindern in diese Wohnung einziehen”, sagt sie dankbar.

Foto: © P. Emmanuel-Maria Fitz OFM
Es geht weiter raus aufs Land. Über holprige Straßen, durch grüne Täler, hinauf zu Hochplateaus, wo Jurten wie Schneeflocken auf grünen Wiesen stehen. Um nach Talas zu kommen, wo Sr. Teofila mit einer Mitschwester lebt und wirkt, muss die Gruppe zwei eindrucksvolle Pässe überqueren, der höchste Punkt lag dabei über 3300 Meter.
Die Ordensfrau widmet sich Kindern, deren Eltern verstorben oder im Ausland sind. Die kleine Schule ist erfüllt mit Leben: Die Kinder singen, basteln, spielen Theater. „Ein Junge erzählte mir, sein Traum sei es, Pilot zu werden, obwohl er nie ein Flugzeug gesehen hat”, berichtet sie.
Besonders bewegend ist der Besuch bei Nikita, Anna und Sachar. Nikita hat Kinderlähmung, träumt von Bildung, aber Lehrer kommen nur, wenn sie wollen. „Korruption ist hier alltäglich spürbar”, sagt Sr. Teofila. Doch trotz allem überwiegt die innere Stärke: „Ich setze mein Vertrauen ganz auf Gott”, sagt Anna. „Er schenkt uns Kraft in den schwersten Zeiten.”

Foto: © P. Emmanuel-Maria Fitz OFM
Eine stille Krise der Kindheit
Die Projektreisenden besuchen weitere Familien, um die sich die Schwestern kümmern. Jede von ihnen hat ihre eigene, tragische Geschichte. Bei einer Familie ist spürbar, wie am Land die Spannung zwischen der russischsprachigen und der kirgisischsprachigen Bevölkerung im Alltag vorhanden ist. „Wir sind eine Minderheit hier. Meine Kinder leiden unter dem Mobbing in der Schule”, erzählt die russischsprachige Mutter.
Vor diesem Hintergrund sorgt ein neues Sprachgesetz für Diskussionen: Am 25. Juni 2025 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das den Gebrauch der kirgisischen Sprache in den Medien deutlich ausweitet. Mindestens 60 % aller Radio- und TV-Beiträge müssen künftig auf Kirgisisch gesendet werden, Ortsnamen sollen offiziell in kirgisischer Schreibweise erscheinen, und auch Werbung muss kirgisisch dominieren. Die Regierung betont die Bedeutung sprachlicher Identität und nationaler Einheit – doch Kritiker befürchten, dass dies das gesellschaftliche Klima für russischsprachige Minderheiten weiter verschärfen könnte.

Foto: © P. Emmanuel-Maria Fitz OFM
Ein weiteres Problem zeigt sich in der medizinischen Versorgung sowie in der teils noch bestehenden Korruption im Gesundheitswesen. „Wir unterstützten einmal eine Mutter, die während ihrer Schwangerschaft von Ärzten unter Druck gesetzt wurde: Sie solle ihr Kind abtreiben, da es angeblich
behindert sei. Gegen eine bestimmte Geldzahlung aber, so hieß es, würde das Kind sicher gesund zur Welt kommen”, berichtet Sr. Teofila, der es gelang, der Mutter in dieser schwierigen Situation beizustehen.

Foto: © P. Emmanuel-Maria Fitz OFM
Eine stille Krise trifft ebenso Kinder in Kirgisistan. Etwa jedes dritte Kind übernimmt Aufgaben, die eigentlich Erwachsenen zustehen, wie die Betreuung jüngerer Geschwister oder kranker Angehöriger. Diese sogenannte „Parentifizierung” gilt als eine Form emotionaler Gewalt und bleibt oft unsichtbar. Laut dem kirgisischen Statistikkomitee widmen Eltern ihren Kindern im Schnitt nur rund 38 Minuten täglich, während Kinder, vor allem elf- bis zwölfjährige Mädchen, erheblich mehr Zeit für familiäre Pflichten aufbringen müssen. Über 62 % der Kinder leisten regelmäßig unbezahlte Hausarbeit, wobei Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren mit etwa 71 % deutlich häufiger betroffen sind als Jungen. Die Belastung zeigt sich auch in alarmierenden Zahlen: Allein in den ersten vier Monaten des Jahres 2024 verübten 36 Kinder Suizid – ein Anstieg um 20 %, und die Zahl der Straftaten gegen Kinder stieg um fast 29 %. Besonders gefährdet sind sogenannte „Migrantenkinder”, deren Eltern im Ausland arbeiten: Sie machen rund 80 % der Straßenkinder aus und sind vermehrt Gewalt, früher Ehe oder Ausbeutung ausgesetzt – mit langfristigen Folgen für ihre psychische Gesundheit und Beziehungsfähigkeit.
Babuschka 18
Viel Leid hat auch „Oma (Babuschka) 18” erfahren, wie sie genannt wird. Schon beim Betreten ihres Hauses spürt man ihre unvergleichliche Energie. Trotz ihres hohen Alters strahlt sie Lebensfreude aus. Ohne Umschweife beginnt sie, eine fast schon feurige Predigt zu halten, voller Enthusiasmus und tiefen Herzens. Die gebürtige Ukrainerin, die eines ihrer Kinder zu Grabe tragen musste und heute nahezu allein in Kirgisistan lebt, spricht mit leuchtenden Augen vom Glauben an Gott, an Jesus und Maria.
„Vertraue und glaube”, sagt sie mit erstaunlich fester Stimme,„es hilft, es heilt – die göttliche Kraft! Auch wenn mich mancher Schmerz bis ans Lebensende begleiten wird: Ich wache mit der Sonne auf und gehe mit ihrem Untergang schlafen. So kann ich mit offenen Augen sehen und bin Gott unendlich dankbar.”

Foto: © Monika Dreger
Zwischen Himmel und Steppe
Nachdem alle Projekte, die von FRANZ HILF unterstützt werden, abgeschlossen sind, stehen einige Tage ganz im Zeichen der Entdeckung bevor – fernab von Zeitplänen, E-Mails und ständiger Erreichbarkeit. Die nächsten Etappen führen die Gemeinschaft tiefer in die faszinierende Landschaft Kirgisistans, in eine Welt voller Farben, Geschichten und atemberaubender Natur.
Zunächst geht es nach Kyzyl-Oi. Das Bergdorf hebt sich deutlich von anderen Orten in Kirgisistan ab, nicht nur durch seine Geschichte, die bis vor die Große Sozialistische Revolution zurückreicht, sondern auch durch seinen ursprünglichen, zentralasiatischen Charme mit rötlich leuchtenden Lehmhäusern („kyzyl” = rot).

Foto: © P. Emmanuel-Maria Fitz OFM
Es ist ein Ort, an dem die Zeit langsamer zu vergehen scheint, wo Kinder in staubigen Gassen spielen, Viehherden gemächlich durchs Dorf ziehen und der Sternenhimmel nachts so klar leuchtet, dass man das Gefühl hat, ihn mit der Hand berühren zu können.
Als letzte Station vor der Heimreise steht der Jon Kol See auf dem Programm. Eingebettet in eine atemberaubende Berglandschaft, stehen dort die traditionellen Jurtenzelte, in denen die „FRANZ HILF – Gemeinschaft” übernachtet.

Foto: © P. Emmanuel-Maria Fitz OFM
Die Ruhe der Natur wird nur vom leisen Wiehern der Pferde und dem Rauschen des Windes in der weiten Steppe durchbrochen. Die kunstvoll errichteten Jurten gewähren einen faszinierenden Einblick in die jahrhundertealte Bauweise der Nomaden. Unter Anleitung lernt die Gruppe, wie die runden Zelte aus Holz und Filz aufgebaut werden – ein Zusammenspiel aus handwerklichem Können und kulturellem Wissen – und wie sie die „Türen” am Abend verschließen müssen, um Schutz vor Wind und Tieren zu bieten.

Foto: © Monika Dreger
So idyllisch die Landschaft auch ist, so herausfordernd kannsie zugleich sein: Die ungewohnte Höhe macht sich bemerkbar. Die sogenannte Höhenkrankheit mit Kopfschmerzen, Schwindel und Gliederschmerzen trifft einige aus der Gruppe. Kein Wunder, denn in über 3.000 Metern Höhe spielt der Körper nicht immer nach den gewohnten Regeln mit.

Foto: © P. Emmanuel-Maria Fitz OFM
Die Nomaden dürfen in Kirgisistan ihr altes Leben weiterleben – das Land gehört dem Staat, doch dieser gewährt ihnen Freiheit in Lebensrhythmus und Tradition.
Kirgisistan hat die Teilnehmer tief berührt – nicht nur landschaftlich, sondern vor allem durch die Menschen, ihre Geschichten, ihre Stärke und ihren Glauben.
„Was mich so fasziniert”, sagt eine Teilnehmerin, „ist, wie die Schwestern mit einfachsten Mitteln und ihren Händen helfen, jenen Menschen, die sonst keine Chance hätten. Danke, Franz Hilf.”
Ein Priester aus der Schweiz ergänzt: „Es war wunderbar. Echter Glaube, echte Armut und echte Zuversicht durch Franz Hilf.”
Die Projektreise nach Kirgisistan war eine eindrückliche Erfahrung voller bewegender Begegnungen, menschlicher Wärme und spiritueller Tiefe. Trotz Armut und politischer Herausforderungen strahlen die Menschen Hoffnung und Lebensmut aus. Die Arbeit der Franziskanerinnen und Franziskaner zeigt, was möglich ist – mit Hingabe, Bescheidenheit und Vertrauen. Es ist eine Reise, die nicht nur Spuren hinterlässt, sondern Herzen bewegt. Und diese Reise wollen wir gemeinsam mit Ihnen fortsetzen.
FRANZ HILF – Franziskaner für Menschen in Not: https://franzhilf.org/
Für 2026 ist eine Projektreise nach Albanien geplant.
(Fotos, Bericht und Shorts: © P. Emmanuel-Maria Fitz OFM)



